Hierzu gilt es, den Text aufmerksam im Wortlaut zu lesen: Es ist gut, dass jede Katechese dem „Weg der Schönheit“ (via pulchritudinis) besondere Aufmerksamkeit schenkt. [129] Christus zu verkündigen, bedeutet zu zeigen, dass an ihn glauben und ihm nachfolgen nicht nur etwas Wahres und Gerechtes, sondern etwas Schönes ist, das sogar inmitten von Prüfungen das Leben mit neuem Glanz und tiefem Glück erfüllen kann. In diesem Sinn können alle Ausdrucksformen wahrer Schönheit als Weg anerkannt werden, der hilft, dem Herrn Jesus zu begegnen. Es geht nicht darum, einen ästhetischen Relativismus zu fördern, [130] der das unlösbare Band verdunkeln könnte, das zwischen Wahrheit, Güte und Schönheit besteht, sondern darum, die Wertschätzung der Schönheit wiederzugewinnen, um das menschliche Herz zu erreichen und in ihm die Wahrheit und Güte des Auferstandenen erstrahlen zu lassen. Wenn wir, wie Augustinus sagt, nur das lieben, was schön ist, [131]dann ist der Mensch gewordene Sohn, die Offenbarung der unendlichen Schönheit, in höchstem Maß liebenswert und zieht uns mit Banden der Liebe an sich. Dann wird es notwendig, dass die Bildung in der „via pulchritudinis“ sich in die Weitergabe des Glaubens einfügt. Es ist wünschenswert, dass jede Teilkirche in ihrem Evangelisierungswirken den Gebrauch der Künste fördert, den Reichtum der Vergangenheit fortführend, aber auch die Fülle der Ausdrucksformen der Gegenwart aufgreifend, um den Glauben in einer neuen „Rede in Gleichnissen“ [132] weiterzugeben. Man muss wagen, die neuen Zeichen zu finden, die neuen Symbole, ein neues Fleisch für die Weitergabe des Wortes, die verschiedenen Formen der Schönheit, die in den einzelnen kulturellen Bereichen geschätzt werden, sogar jene unkonventionellen Weisen der Schönheit, die für die Evangelisierenden vielleicht wenig bedeuten, für andere aber besonders attraktiv geworden sind.“ [1]
Wie erkennbar wird, bekräftigt Papst Franziskus vor der Betonung der Notwendigkeit, „den Glauben in einer neuen ‚Rede in Gleichnissen‘ weiterzugeben“ einige grundlegende Aspekte, die von manchen Theoretikern und Kritikern in den letzten Jahren vergessen wurden; allen voran die in Anmerkung 130 erwähnte nötige Beziehung zwischen „Moral und Kunst“, und hebt hervor, dass der Gegenstand unserer Liebe Jesus sei, der durch seine Menschwerdung in seinem Antlitz die Unendlichkeit der Schönheit des Vaters zum Leuchten bringe und es daher nötig sei, die „via pulchritudinis“ für die Vermittlung des Glaubens zu beschreiten.
Über diese Aspekte verfasste ich eine Vielzahl von Artikeln und verschiedene Bücher, auf die ich für eingehende theoretische, ästhetische, anthropologische, kulturelle und historisch-künstlerische Betrachtungen verweise. In diesem Rahmen möchte ich hingegen eine kurze Reflexion über den abwertenden Begriff „akademisch“ anstellen, mit dem oft gegen die zeitgenössische darstellende Kunst gewettert wird.
Akademisch ist das, was offiziell an den Kunstakademien gelehrt wird, und dabei handelt es sich seit etwa 50 Jahren um das Informelle, Anikonische, Abstrakte und Performative. In den offiziellen Ausstellungen der gesamten westlichen Welt sind die buchstäblich „akademischen“, gesponserten und überbezahlten Künstler gerade die Exponenten dieser „neo-paganen“ Kunstformen, während das Darstellende nahezu vollständig aus den akademischen Sälen verschwunden ist. Als Methode und Ziel Darstellendes zu schaffen, Werke der darstellenden Kunst herzustellen, aus denen Schönheit hervortritt, ist eine revolutionäre Aktion und nur wenigen Künstlern in Italien gelingt es, die Kunst in dieser heroischen Form zu leben. Im Laufe der letzten Jahre haben sich die Dinge jedoch verändert. Manche Akademien in aller Welt haben den Weg des Darstellerischen wieder aufgenommen. Bei manchen Händlern ist eine Umorientierung in Richtung von Werken der darstellenden Kunst zu beobachten und vor allem die gegenwärtige Öffentlichkeit ist von den Ausstellungen der großen Künstler der darstellenden Kunst magnetisch angezogen. Der Gewinner im Hinblick auf die weltweiten Einnahmen der letzten Jahre ist nicht Pollock oder Bill Viola, sondern Michelangelo Merisi da Caravaggio, der überall ein Kassenschlager ist. Die gegenwärtige Welt ist sicherlich verwirrt, doch sie spürt die Notwendigkeit eines Sinns, einer Sicherheit der Lesbarkeit. Sie ist auf der Suche nach einer sinnvollen Interpretation der Ereignisse. Im Christentum ist das Faktum, das Fragen aufwirft, Jesus; es ist sein Gesicht, seine Person. Und daher ist er ein Zeitgenosse von mir, er stellt heute Fragen an mich und wurde nicht von der Geschichte überholt. Wenn die Kunst von Christus sprechen soll, kann sie nicht von seiner Person absehen, von seinem Antlitz, von der Menschwerdung. Tatsächlich bittet der Heilige Vater darum, ein neues Fleisch zu finden, vom Ursprünglichen auszugehen. Er verlangt keine neuen Formen oder Originalität, sondern im Gegenteil ein Begreiflich-Machen. Die Vermittlung des Glaubens ist das erneute Aussprechen – mit neuen Worten – dessen, was die Menschen sich seit jeher zu dem Ereignis, dem Faktum, der Person, die das Leben veränderte, so wie alle großen westlichen Künstler das Ereignis der Menschwerdung stets aktualisierten und es durch Kontextualisierung vergegenwärtigten, was die am meisten Erleuchteten immer noch vollbringen.
Wie der Evangelist Johannes, der sogar die Stunde des Tages, in der das Leben sich veränderte, in Erinnerung rief: „Es war etwa vier Uhr am Nachmittag“ [3].
Rodolfo Papa, L'artista contemporaneo, 2008, coll. priv.
FUSSNOTEN
[1] Hier werden im Folgenden alle Anmerkungen bei Nr. 167 von „Evangelii Gaudium“ angeführt:
[129] Vgl. 20.
[130] Vgl. 2. Vatikanisches Konzil, Dekret über die sozialen Kommunikationsmittel und Inter mirifica, 6.
[131] Vgl. De musica, VI, XIII, 38: PL 32, 1183-1184; Conf., IV, XIII, 20: PL 32, 701.
[132] Benedikt XVI., Ansprache anlässlich der Vorführung des Dokumentarfilms „Arte e fede – via pulchritudinis“ (25. Oktober 2012): L’Osservatore Romano (27. Oktober 2012), S. 7.
[2] R. Papa, Rede über die sakrale Kunst, Cantagalli Siena, 2012; und im Vorfeld der Veröffentlichung: R. Papa, „La missione dell’arte e Papa Francesco (Die Mission der Kunst und Papst Franziskus), Cantaglli Siena, 2015.
[3] Joh 1,39.